: Theoretische Grundlagen

: Barbara Meyer-Abich: Warum ausgerechnet Theater?

1. Theater und die Wirklichkeit

2. Theater und Kreativität

3. Das Kommunikationsmedium Theater

4. Auswahlbibliographie

5. Anhang: Schaubilder der theatralischen Mittel des Theaters

 

 1. Theater und die Wirklichkeit

Die lang zurückreichende Theatertradition zeigt das Theater als einen ganz besonderen Ort menschlichen Erlebens in Konflikten und Befreiungen, Strukturkrisen und Wandlungen, in denen sich Wertvorstellungen, Befindlichkeiten, Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten des menschlichen Daseins ausdrücken.

Tragische Momente des Alltags werden in die künstliche Welt der Bühne gehoben, Konflikte gespielt, ausagiert, vorangetrieben, gedeutet, verändert, etc.

Victor Turner (V. Turner Vom Ritual zum Theater - Der Ernst des menschlichen Spiels, F. a. M. 95,Seite, 166/67) sieht das Verhältnis zwischen Alltagsleben und Theater, ausgedrückt in den Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes <acting> für <handeln, darstellen, (Theater)spielen>: ,,Während das Theater einerseits die Distanz eines Spiegels zum Leben wahrt, ist andererseits seine Nähe zum Leben der Grund dafür, daß es die im Hinblick auf Konflikt - denn Leben ist Konflikt und Wettkampf nur eine Unterart von Konflikt - zum Kommentar oder <Meta-Kommentar> am besten geeignete Form ist.“

Das Theater ist der Ort der menschlichen Mitteilsamkeit, des individuellen, kollektiven und ästhetischen Ausdrucks.

Das Bühnenlicht erhellt die innere und äußere Welt der Spieler/innen: ihr körper-sprachlicher Ausdruck spiegelt geistige und seelische Motivationen, der Klang ihrer Stimmen, der Rhythmus ihrer Bewegungen machen den dramatischen Text lebendig und verdichten die Textaussage.

Die fiktive Rolle auf der Bühne steht im Spannungsfeld mit der Alltagsrolle der Spieler/innen: Ihre Individualität entwickelt sich, indem sie in der Gruppeninteraktion ihre ,,Rollenkonserven" (ein von J. L. Moreno geprägter Begriff aus: Gruppenpsychotherapie & Psychodrama, Stuttgart 59) aufbrechen, sie fixierte Wahrnehmungen öffnen, ihre Erlebnis- und Bewußtseinsfähigkeit erweitern und ihre Ausdruckspotentiale herausfordern.

Im Ensemblespiel kultivieren sie einen gemeinsamen Ausdruck, der dem individuellen einen Rahmen zu geben vermag. Sie finden gemeinsam einen Rhythmus, eine ästhetische Ausstrahlung, die sie selbst <begeistert und geistreich macht> und das Publikum mitreißen kann. Dies ist die Beschreibung einer lebendigen, energiegeladenen Aufführung, einer s.g. <stimmigen Aufführung>, in der der theatralische Ausdruck des Stückes (textes) und Ensembles wie des Einzelnen authentisch sind. (vgl. Theatralische Zeichen des Theaters - Schaubilder im Anhang)

Das Theater <stellt die Ereignisse des literarischen Textes dar>, das Erlebnis wird wiederbelebt und erfährt durch die Spieler/innen neue Bedeutungen im s.g. Akt kreativer Rückbesinnung. (vgl. J.L. Moreno: Gruppenpsychotherapie & Psychodrama, Stuttgart 59)

"Im Theaterspiel und seinen Ritualen werden den Dingen und Figuren des Alltags (bzw. des Textes) neues Leben bzw. neues Bewußtsein gegeben (Transformation des Seins und/oder Bewußtseins nach Schechner). (B. Meyer-Abich & B. Thierhoff: Theater des Erlebens, unveröffentl. Konzeption der Theaterarbeit in der Selbsterfahrung der Familientherapieausbildung, Duisburg 1993, S.1)

Allen Kulturen der Welt sind die kollektiv heilenden Kräfte des Theaterspiels und seiner Rituale vertraut, und je nach Veränderung ihrer Gemeinschafts- und Herrschaftsstrukturen nutzten sie diese Kräfte zur Gesundung ihrer Menschen. In religiösen Kulthandlungen verehrten ursprünglich die Menschen die lebens-spendenden Kräfte der Natur Der Akt des Erlebens der Dankbarkeit brachte ihnen die Quelle des Lebens näher.

Auch unsere Theatertradition kennt aus der aristotelischen Dramentheorie das kathartische Moment: ,,über Krisis zur Peripetie - Lösung heißt immer Gesundung.“ (ebd.S.lff (vgl. J. L. Moreno ebd.))

 

2. Theater und Kreativität

Die Theaterarbeit lebt von Konflikt und Kreativität, sie liegt im Spannungsfeld zwischen formgebender Struktur und lebendigem Spielfluß.

Das Theaterspiel lebt in einem Spielraum des „Wirklichkeitssinns“, der dem ,,Möglichkeitssinn(R. Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Reinbeck 78) einen besonderen Platz anbietet. Auf der Bühne begegnen sich entgegengesetzte Kräfte: Abstraktion - Konkreter Realismus, Verdichtung - Ausdehnung, lebendiger Körper - Körper als Zeichen, etc.

Das Formale Theater von Robert Wilson (H. Keller Robert Wilson1 Ff/M 97), verleiht den s.g. Theatralischen Mitteln der Bühne einen hohen Abstraktionsgrad und hohen ästhetischen Gehalt mit dem Ziel, unbewußte Gefühle, Gedanken, utopische Phantasien zu erwecken. Die Schauspieler/innen werden zu Figuren geformt, die ästhetische Perfektion zu ihrem Ausdruck werden läßt.

Im Realistischen Theater Grotowskis z. B. (T. Richards: Theaterarbeit mit Grotowski an physischen Handlungen, Berlin 96) <kämpfen> die Schauspieler/innen mit ihren Rollen. Sie suchen in den Probenprozessen ihre individuelle Rollenstruktur, verborgene Motivationen, Handlungsimpulse und -absichten. Kreativität bahnt sich dort ihren Weg, wo die Spieler/innen ihre Rollen körperlich wahrnehmen und die Rollenstruktur entwickeln und aufbauen. Ist die Struktur internalisiert, wird die Aufmerksamkeit frei für das Spiel der Rolle und das Ensemblespiel und die s.g. ,,Bühnenpräsenz" (vgl. V. Turner ebd. S.88). Alle Spieler/innen können gegenseitig den Handlungsimpulsen der Mitspieler in der Kommunikation folgen, und sich spontan an Handlungsmöglichkeiten erinnern oder neu entdecken- und die Energie für die s.g. ,,Physischen Handlungen" (s.o.) aktivieren.

Unsere integrative Theaterarbeit folgt dem <Erlebnistheater>. Theatertechniken des <Formalen Theaters> und des <epischen Theaters> fügen wir dort ein, wo die Arbeit mit Symbolen Distanz schafft, Verborgenes und Unbekanntes aktiviert und sich zu zeigen und auszudrücken motiviert.

 

 3. Das Kommunikationsmedium Theater

,,Im Bereich der Kommunikationstheorie läßt sich Theatralität als akustisch - verbale und visuell - szenische Sprache des Mediums Theater als ein kommunikatives Feld analysieren“ ( E. Otto: Zum Begriff Theatralität als Grundlage eines kommunikativen Prozesses des Mediums Theater sowie zur Darlegung seiner didaktischen Relevanz im Bereich eines theaterpädagogischen Arbeitsprozesses, Diss. Gelsenkirchen 75)

Im traditionellen Theater steht der Text im Mittelpunkt des Spiel- und Vermittlungsprozesses. Die Spieler/innen bedienen sich der Ausdrucksmöglichkeiten ihres Körpers, Körpers im Raum, Kostüms, Sprache, des Lichtes, Bühnenbildes, etc. d.h. der theatralischen Zeichen und verlebendigen hier die Textaussagen, in der sich der Zuschauer wiederfinden kann.

In unseren Theaterprojekten findet die Textrezeption dort statt, wo sich die Gruppe für einen dramatischen Text und sein Thema motiviert hat und erste Spiel- und Szenenversuche geglückt sind. Stück- und Rollenanalysen sind nicht nur kognitive Prozesse, sondern erlebbare, wenn Interpretationen <erspielt> werden. (vgl. Begriff B. Meyer-Abich: interpretatorische Bewegungsdarstellung im Kindertheater)

In diesen Probenphasen werden die Mittel, derer sich das Theater bedient, reflektiert, analysiert, um sie bewußt einsetzen zu können. Die Kommunikation im Spielgeschehen auf der Bühne ist nur dann kreativ, wenn ihre Mittel erforscht sind – im reflektierenden und erlebenden Sinne.

Die Rollen und das Ensemblespiel stehen auf unserer Bühne im Rampenlicht der Bühne. Die Spieler/innen nutzen die Ausdrucksmedien des Theaters, um die Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Körperlichkeit zu erforschen und zu erweitern (innere Kommunikation). In der Ganzheit ihres Zusammenspiels und der Gestalt ihrer Aussageintentionen kommunizieren sie mit dem Publik um (äußere Kommunikation). (siehe Schaubilder im Anhang).

 

4. Auswahlbibliographie

 

Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double, Ff 69

Behr, Michael: Kinder im Theater Ff/M 85

Binek, Eberhard M.: Psychotherapie mit gestalterischen Mitteln, Darmstadt 92

Brauneck M./ Gérard Schneilin (Hg.): Theaterlexikon, HH 92

Brecht, Bertolt: Schriften über das Theater 1-7, Ff 63

Brennan, Richard: Alexander-Technik, Mü 95

Brook, Peter: Der leere Raum, HH 70

Brook, Peter: Das offene Geheimnis, Ff/M 94

Brooks, Charles V.W.: Erleben durch die Sinne, München 91

Buytendijk, F.J.J.: Wesen und Sinn des Spiels, Berlin 33

Beimdiek, Walter Theater und Schule, München 75

Davies, Geoff: Practical Primary Drama, Oxford 91

Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik, Mü 72

Fast, Julius: Körpersprache, HH 71

Feldenkrais, Moshé: Bewußtheit durch Bewegung, Ff/M 95

Ders.: Die Entdeckung des Selbstverständlichen, Ff/M 85

Ders.: Das starke Selbst, Ff/M 89

Fink, E.: Das Spiel als Weltsymbol, Stutt 60

Goffman, Erving: Interaktion, Mü 73

Huizinga, J.: Homo ludens, HH 56

Keller, Holm: Robert Wilson, Ff/M 97

Kepfler, James I.: Körperprozesse, Köln 88

Leutz, Grete: Psychodrama, Heidelberg 74

Löffler, Martin: Das Publikum, Mü 69

Lobeck de Fabris, Kordula in Feministische Theaterpädagogik Hrsg.: Gitta Martens, Remscheid 91

Lowen, Alexander Körperausdruck und Persönlichkeit, Mü 81

Meyer-Abich, B.: Rezeptionsmöglichkeiten der Kinderlieder B. Brechts (56) mit Hilfe theatralischer Mittel, 2. Staatsarbeit D'd. 86

Meyer-Abich, B & Thierhoff B.: Theater des Erlebens, unveröff. Konzeption in der Familientherapieausbildung, Dui 93

Moreno, J. L.: Gruppenpsychotherapie und Psychodrama, Stuttg. 59

Müller, Rudi: Spiel und Theater als kreativer Prozeß, Berlin 72

Müngerssdorff, Rüdiger:Die Ursprünge des Psychodramas in Morenos Wiener Stegreiftheater und die anthropologische Grundlage des Psychodramas - in: Bausteine zur Gruppenpschotherapie 1 Neckarsulm 84

Ders.: Bemerkungen zur ,,Rollenmethode" im Humanistischen Psychodrama - in: Bausteine zur Gwppenpsychotherapie 3, Neckarsulm 90

Nickel, H-W./Klewitz, M.: Interaktions- und Theaterpädagogik, Stutt. 75

Otto, Enrico: Diss.: Zum Begriff ,,Theatralität" als Grundlage eines kommunikativen Prozesses des Mediums Theater sowie zur Darlegung seiner didaktischen Relevanz im Bereich eines theaterpädagogischen Arbeitsmodells, Gelsenkirchen 75

Richards, Thomas: Theaterarbeit mit Grotowski, Berlin 96

Roeder, Anke (Hrsg): Autorinnen: Herausforderungen an das Theater, Ff 89

Satir, Virginia: Kommunikation, Selbstwert, Kongruenz, Paderborn 92

Satir, V. & Baldwin M.: Familientherapie in Aktion, Paderborn 91

Scher, Anna, & Verral, Charles: 100 Ideas for Drama, Oxford 90

Schechner, Richard: Theateranthropologie, Reinbeck 90

Scheufele-Osenberg, Margot: Atemschulung, Düsseldorf 93

Schlemmer, O. u.a.: Die Bühne im Bauhaus, Berlin 64

Stanislawskiy, K.: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst, Berlin 63

Stefanek, Lore: Frauen und Theater in: Frauen-Kunst-Kultur Hrsg.: Kultur Kooperative Ruhr, Dortmund 92

Tabori, George: Den Tod überlisten. Gespräch mit F. J. Raddatz in: Zeitmagazin Nr .47, 13.11.92

Thierhoff, Barbara: Theater des Erlebens/Das Magische Wenn. Vortragsskript, Dui 94

Tschechow, Michael: Werkgeheimnisse des Schauspielkunst, Zürich 79

Turner, V.: Vom Ritual zum Theater, Ff/M 95

Watzlawick, P., u.a.: Menschliche Kommunikation, Wien 72

Verschiedene Referentinnen der Tagung ,,Theater - Theaterpädagogik - Therapie" in der Akademie Remscheid (1.-3.11.91)